Eine von Hubert von Goisern empfohlene Erzählung von Franz Kain
über ein Erlebnis beim Singvogelfang,
das sich Gefangene im Konzentrationslager schildern

Warum müssen die Vogelfänger,
denen ihre Freiheit so wichtig ist,
diese den Waldvögeln nehmen?

Hubert von Goisern hat mich angerufen um mit mir über den Waldvogelfang im
Salzkammergut zu sprechen. Ich hatte ihn um einen Rückruf gebeten, weil es
mir sehr wichtig ist zu verstehen, warum ein Mensch, der sich für das
Schimpansenschutzprojekt von Jane Goodall einsetzt und sich für
buddhistische Weisheit interessiert, deren eine große Säule das Mitgefühl
mit allen empfindsamen Lebewesen ist, sich in einer Fernsehsendung so
einseitig für die Freiheit, nicht etwa der Vögel, sondern der Vogelfänger
zum Singvogelfangen, einsetzt. Hubert von Goisern hat mir erzählt, dass er
die Vogelfänger gefragt hätte, warum sie nicht in die Berge und Wälder gehen
könnten, ohne Tiere einzufangen. Dann wäre der Reiz des Fangens weg und es
würde kaum jemand so früh aufstehen, den weiten Weg zurücklegen und sich
meist völlig durchfroren stundenlang auf die Lauer legen. Wir haben darüber
gesprochen, wie wichtig es wäre, um Gewalttaten allgemein zu verhindern, die
Täter dazu zu bringen, sich in die Situation der Opfer einzufühlen. Denn das
ist die Voraussetzung für Mitgefühl. Die Singvögel erleiden beim Einfangen
Todesangst! Um in die Welt und Motivation der Vogelfänger Einblick zu
gewinnen, hat mir Hubert von Goisern das Buch DIE LAWINE von Franz Kain
(Bibliothek der Provinz) empfohlen. Denn darin gibt es

EINE VOGELGESCHICHTE
In einem Kerker des dritten Reiches lernen sich zwei Männer aus dem
Salzkammergut kennen und kommen auf das Vogelfangen zu sprechen. Die scheuen
Waldtiere wissen bei der Gefangennahme nicht wie ihnen geschieht. Auch die
KZ-Insassen wussten oft nicht, warum sie eingesperrt waren und was mit ihnen
geschehen würde: "Sie tauschten ihre Mutmaßungen aus über den
Bestimmungsort, dem sie entgegenfuhren, oder über eine bevorstehende
Verhandlung..." Selbst in einer ähnlichen Situation gefangen, erzählt ein
Häftling, wie er den schönsten Vogel seines Lebens mit Hilfe eines
Lockvogels fing: "Den Schnabel hatte ich schon drei Jahre, und einmal war
auch er rot gewesen. Durch die Jahre der Gefangenschaft war sein Gefieder
gelb geworden, so wie auch wir grau werden bei diesem Leben. Früher war er
ein recht guter Singer gewesen, aber im letzten Jahr hatte er nachgelassen,
und wenn ich ihn so beobachtete, dann kam er mir oft recht verdrossen vor.
Vielleicht hätte ich ihn auslassen sollen, aber nach drei Jahren hätt er
wohl den Winter im Wald nicht mehr ausgehalten. Dann würd's mich auch gereut
haben...
...sowie ich mit ihm in den Wald kam, wurde er unruhig, und seine Augen
begannen zu funkeln, wenn er die Vögel hörte. Er warf sich mit der Brust
gegen das Dach des Vogelhauses, hielt sich mit den Krallen am Draht fest und
stieß seinen Ruf aus..."
Der Vogelfänger erklärt: "Und wenn er zu singen beginnt, dann ist das ein
harter Gesang, und der ganze Vogel zittert dabei vor Aufregung. Er krallt
sich ans Gitter und schreit seine Lust und seinen Schmerz heraus.

Die Erzählung geht weiter: "Mein gelber Schnabel zerrte verzweifelt am
Drahltgeflecht des (Vogel)hauses. Aber es half nichts..." Mit Hilfe dieses
Lockvogels soll ein noch freies Prachtexemplar in die Falle gelockt werden:
Der Vogelfänger erzählt, wie langwierig es war, das Tier einzufangen, "denn
Kreuzschnäbel sind Strichvögel und wechseln häufig die Gegend. Halbe Tage
lang war er mit seiner Lock durch die Wälder gestreift..."
Zwanzig weich gepolsterte Klemmfallen sind um den Käfig des Lockvogels
aufgestellt. Dem Vogelfänger sei es so vorgekommen, als hätte der Gelbe den
anderen gewarnt, alle Fallen zu meiden: Man wisse nicht, was der Gefangene
dem anderen Vogel erzählt. Ein Buschen wilder Majoran "hat's dem Schnabel
angetan, denn er flatterte darum herum, während die Lock ganz leise dazu
sang..."
"Jetzt wirst nicht mehr lang tanzen", frohlockt der Vogelfänger, da gaukelt
ein grauer Gimpel daher und patscht in die Falle, wodurch der Kreuzschnabel
verjagt wird.
Inzwischen bildet sich um den Erzähler im Konzentrationslager ein Kreis von
Zuhörer: "Hungernde, schmutzige Gefangene, durch die böse Zeit selber böse,
misstrauisch und hart geworden, lauschten der einfachen Geschichte..."
"...je weniger der Schnabel Lust zeigte, in die Falle zu gehen, um so größer
wurde meine Leidenschaft. Ich musste und ich musste ihn haben. Dabei war es
mir weniger darum zu tun, dass ich mit ihm in jeder Ausstellung den ersten
Preis machen könnte, nein, das war es nicht. Aber wenn er so um das Haus der
Lock herumhüpfte und seine brennendrote Brust spreizte, da schien mir dieser
Vogel wie der Stolz und die Geschmeidigkeit des Lebens zu sein." Der
Erzähler spricht von dem dunklen Gefühl, nach dem dieser Kreuzschnabel ein
Inbegriff der Freiheit war, einer Freiheit, die stark und berauschend ist..
Kreuzschnäbel brüten ihre Jungen mitten im Winter aus und fordern damit alle
Gewalten heraus. Und deshalb glaubt der Fallensteller, "ist es durchaus
keine Spielerei, seine List und Geschicklichkeit mit solch einem Sänger zu
messen... Kreuzschnäbel, die muss man besiegen, Zug um Zug."
Wiedereinmal ist der Fänger mit seinem Lockvogel im Rucksack unterwegs: "Der
Schnabel rührte sich nicht, obwohl ich, da es noch finster war, oft gegen
einen Stein stieß und das Vogelhaus dabei jedes Mal hin und her schwankte.
Der Lockvogel im finsteren Rucksack klammert sich verzweifelt am Sprissel
fest. Am Ziel angekommen, richtet der Vogelfänger seine Fallen diesmal am
ganzen Kogel verteilt auf. Kurz vor Sonnenaufgang beginnt der Lockvogel
inbrünstig zu singen. Sein Gesang ist so innig, dass es dem Vogelfänger warm
ans Herz greift. Der freie Vogel wird angelockt und singt mit dem Gefangenen
mit. Später wird der Lockvogel unruhig, stößt schrille Schreie aus, als
wolle er den anderen warnen. Dieser berührt flatternd die Stange einer
Klemmfalle und ist: gefangen!
Der KZ-Häftling erzählt seinen Mitgefangenen weiter, wie verzweifelt der
Lockvogel schilpte, als er sah, "wie der rote Schnabel in der Falle
flatterte. Ich sprang hin, um ihn auszunehmen. Er war unverletzt, und dann
nahm ich den Vogel in die Hand. Ich spürte, wie sein Herz pochte...
Noch gab er sich nicht verloren, und er hackte mit seinem gekreuzten
Schnabel wütend auf meine Finger ein. Behutsam schob ich ihn in einen
kleinen Leinensack und legte den Sack in das Fanghaus. Ich holte schnell das
Fangzeug zusammen und stieg hinunter...
Ganz behutsam trat ich auf, damit der Schnabel sich nicht am Drahthaus
stoßen sollte. Ich schmiedete auf diesem Heimweg Pläne, wie ich den beiden
Vögeln ein großes Haus bauen würde, damit sie genug Platz hätten. 'Nur bis
zum Sommer', versprach ich dabei insgeheim, denn ich hätte nicht ertragen,
dass dieser purpurrote Schnabel in der Gefangenschaft seine Farbe verloren
hätte. Im Rucksack zirpten die beiden ganz leise, und ich schritt wie ein
Sieger zu Tal."
Der Erzähler im Gefängnis der Nazis macht eine lange Pause:
"Als ich zu Hause das Fanghaus aufgemacht habe, war der rote Schnabel tot."

 

Dr. Friedrich Landa
Geschäftsführer Tierschutz im Unterricht
Dachverbandspräsident der oö. Tierschutzorganisationen

Homepage: http://www.t0.or.at/~tierschutz
E-mail: tierschutz@t0.or.at