Sehr verehrter Leser, liebe Leserin! Es tut mir leid, dass ich Sie so hartnäckig über die Zustände in unseren Schlachthäusern informieren muss. Der Tierschutz versucht, die Tierquälereien anzuprangern, bis sie abgeschafft sind. Ich hoffe, Sie fühlen sich durch die Aussendungen nicht allzusehr bedrängt. Nur indem wir Menschen uns bewusst machen, auf welch unerträgliche Weise die Nutztiere behandelt werden, wird sich die Situation für die Tiere verbessern. Aufgrund unserer Schlachthof-Videodokumentation haben nicht nur Landwirte sich bereit erklärt, den Tierschutz zu unterstützen und uns zu helfen, Quälereien im Schlachthaus aufzudecken. Auch vom Veterinär-Personal gehen uns Berichte zu, die Zustände beschreiben, die nur ein Begriff treffend bezeichnet: Für die Tiere sind Schlachthäuser die Hölle! In jedem Detail wird auch für andere Länder immer wieder bestätigt, was wir in österreichischen EU-Schlachthäusern in Bild und Film dokumentieren konnten. Angefangen vom Präsidenten der oö. Tierärztekammer bis herunter zu Schlächtern, die in Schwarzarbeit in ihrer Nachbarschaft Tiere abstechen, sind uns Vergehen gegen Tierschutzgesetze mitgeteilt worden. Anzeigen wegen Tierquälerei bei der Schlachtung gibt es kaum. Offenbar wird davon ausgegangen, dass beim Schlachten Tierquälerei nicht zu vermeiden ist. (Der Tierschutz-DV hat gegen alle ö. Schlachthöfe Anzeige wegen des dringenden Verdachtes auf Tierquälerei erstattet.) Es wurde uns immer wieder bestätigt, dass Tiere schon das Unheil erahnen, welches ihnen angetan werden soll. Kein Tier geht freiwillig ins Schlachthaus! Deshalb kommt es beim Treiben zur Betäubungsbox - vor allem bei Akkordschlachtungen - oft zu schwersten Misshandlungen. Forderungen:
2) Installation von Video-Überwachung an allen Stellen des Schlachthauses, für die Tierquälereien nachgewiesen wurden. Übertragung ins Internet, sodass sich der Konsument jederzeit selbst ein Bild davon machen kann, wie Fleisch hergestellt wird. (So etwas gibt es bereits unter http://www.thoenes.de/bioschlachthof.html "live aus dem Bioschlachthof: Transparenz absolut". Allerdings wird hier nur die Hygiene während der Verarbeitung gezeigt, nicht die Tiere vor und während der Schlachtung. Genau das wäre notwendig, um in die Situation der Tiere Einblick zu gewähren.) 3) Schlachtbetriebe, die unfähig sind, Vergehen gegen die Tierschutzbestimmungen abzustellen, sind von der Behörde zu schließen. Dr. Friedrich Landa "Um eines kleinen Bissens Fleisches willen..."Ein Veterinär-Bericht vom Schlachthof ...Inzwischen hat sich der vielstimmig grunzende und quiekende
Doppeldecktransporter unter uns bis an die Rampe heranrangiert. Einzelheiten
sind in der morgendlichen Dunkelheit kaum auszumachen; die Szenerie hat etwas
Unwirkliches und gemahnt an jene gespenstischen Wochenschauen aus dem Krieg, an
graue Waggonreihen voller ängstlicher bleicher Gesichter an Laderampen, über die
geduckte Menschenmengen von gewehrtragenden Männern getrieben werden. Plötzlich
bin ich mittendrin. So etwas träumt man in bösen Träumen, aus denen man
schweissgebadet aufschreckt: Inmitten wabernden Nebels, in Eiseskälte und
schmutzigem Zwielicht dieses unnennbar böse Bauwerk, dieser flache, anonyme
Klotz aus Beton und Stahl und weissen Kacheln, ganz hinten am frosterstarrten
Waldesrand; hier geschieht das Unaussprechliche, wovon niemand wissen
will.
"Der Elektrostab ist für Schweine inzwischen verboten", doziert der
Schlachthofdirektor. Einige Tiere wagen strauchelnd und unsicher die ersten
Schritte, dann wogt der Rest hinterher, eins rutscht mit dem Bein zwischen
Klappe und Rampe, kommt wieder hoch, hinkt weiter. Sie finden sich zwischen
Stahlverstrebungen wieder, die sie unentrinnbar in einen noch leeren Pferch
führen. Wenn es um eine Ecke geht, verkeilen sich die vorderen Schweine, alle
stecken fest, und der Treiber flucht wütend und drischt auf die hintersten ein,
die panisch versuchen, auf ihre Leidesgenossen zu springen. Der Direktor
schüttelt den Kopf. "Hirnlos. Einfach hirnlos. Wie oft habe ich schon gesagt,
dass es doch nichts bringt, die hintersten zu prügeln!"
Von hinten stupst mich etwas in die Kniekehle, ich fahre herum und blicke in
zwei wache blaue Augen. Viele Tierfreunde kenne ich, die enthusiastisch
schwärmen von den ach so seelenvollen Katzenaugen, dem treuen Hundeblick, – wer
spricht von der Intelligenz und Neugier in den Augen eines Schweines? Ich werde
diese Augen sehr bald noch anders kennenlernen: Stumm schreiend vor Angst, von
Schmerzen stumpf, und dann blicklos, gebrochen, aus den Höhlen gerissen, über
den blutverschmierten Boden kollernd. Messerscharf streift mich ein Gedanke, den
ich in den folgenden Wochen monoton noch viele hundert Male im Geiste
wiederholen werde: Fleischessen ist ein Verbrechen – ein
Verbrechen...
Alles zugleich stürzt auf mich ein. Schneidende Schreie. Das Kreischen von Maschinen. Blechgeklapper. Der durchdringende Gestank nach verbrannten Haaren und versengter Haut. Der Dunst von Blut und heissem Wasser. Gelächter, unbekümmerte Rufe. Blitzende Messer, durch Sehnen gebohrte Fleischerhaken, daran hängende halbe Tiere ohne Augen und mit zuckenden Muskeln. Fleischbrocken und Organe, die platschend in eine blutgefüllte Rinne fallen, so dass der eklige Sud an mir hochspritzt. Fettige Fleischfasern am Boden, auf denen man ausrutscht. Menschen in Weiss, von deren Kitteln das Blut rinnt, unter den Helmen oder Käppis Gesichter, wie man sie überall trifft: in der U-Bahn, im Kino, im Supermarkt. Unwillkürlich erwartet man Ungeheuer, aber es ist der nette Opa von nebenan, der flapsige junge Mann von der Strasse, der gepflegte Herr aus der Bank. Ich werde freundlich begrüsst. Der Direktor zeigt mir rasch noch die heute leere Rinderschlachthalle – "Rinder sind dienstags dran!" ...Es gibt mir zu denken, dass ich – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – die hier arbeitenden Leute gar nicht als Unmenschen empfinden kann, sie sind nur abgestumpft, wie auch ich selbst mit der Zeit. Das ist Selbstschutz. Man kann es sonst nicht ertragen. Nein, die wahren Unmenschen sind all jene, die diesen Massenmord tagtäglich in Auftrag geben, die durch ihre Gier nach Fleisch Tiere zu einem erbärmlichen Dasein und einem noch erbärmlicheren Ende – und andere Menschen zu einer entwürdigenden und verrohenden Arbeit zwingen. Als ich zum ersten Mal bewusst erfasse – am zweiten oder dritten Tag – dass ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine noch zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen. "Sie – sie zucken noch...", sage ich, obwohl ich ja weiss, dass es nur die Nerven sind, zu einem vorübergehenden Veterinär. Der grinst: "Verflixt, da hat einer ‘nen Fehler gemacht – das ist noch nicht richtig tot!" Gespenstischer Puls durchzittert die Tierhälften, überall. Ein Horrorkabinett. Mich friert bis ins Mark. Diese Gleichgültigkeit. Diese Selbstverständlichkeit des Mordens. Ich möchte, ich muss sprechen, es mir von der Seele reden. Ich ersticke daran. Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen konnte, mit gegrätschen Hinterbeinen dasaß. Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte: beidseitiger Muskelabriss an den Innenschenkeln. Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften braunen Augen, die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen und Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick auf die Halle, wo die Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden, – dann der tödliche Schuss, im nächsten Moment schon die Kette am Hinterfuß, die das ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe zieht, während unten bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und immer noch, kopflos, Ströme von Blut ausspeiend, bäumt der Leib sich auf, treten die Beine um sich... Erzählen von dem grässlich-schmatzenden Geräusch, wenn eine Winde die Haut vom Körper reisst, von der automatisierten Rollbewegung der Finger, mit der die Abdecker die Augäpfel – die verdrehten, rotgeäderten, hervorquellenden – aus den Augenhöhlen klauben und in ein Loch im Boden werfen, in dem der "Abfall" verschwindet. Von der verschmierten Aluminiumrutsche, auf der alle Innereien landen, die aus dem riesigen geköpften Kadaver gerissen werden, und die dann, bis auf Leber, Herz, Lungen und Zunge – zum Verzehr geeignet – in einer Art Müllschlucker verschwinden.
Auch für die erbärmlich magere Kuh, die, als ich morgens um sieben komme, krampfhaft zuckend im eisigen, zugigen Gang liegt kurz vor der Tötungsbox, gibt es keinen Gott und niemanden, der sich ihrer erbarmt in Form eines schnellen Schusses. Erst müssen die übrigen Schlachttiere abgefertigt werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer noch und zuckt, niemand, trotz mehrfacher Aufforderung, hat sie erlöst. Ich habe das Halfter, das unbarmherzig scharf in ihr Fleisch schnitt, gelockert und ihre Stirn gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren riesiggrossen Augen, und ich erlebe nun selbst, dass Kühe weinen können.
Das ist es, wovon ich berichten möchte, um es nicht allein tragen zu müssen, – aber im Grunde will es keiner hören. Nicht, dass ich während dieser Zeit nicht oft genug befragt werde. "Wie ist es denn so im Schlachthof? Also, ich könnte das ja nicht!" Ich grabe mir mit den Fingernägeln scharfe Halbmonde in die Handflächen, um nicht in diese mitleidigen Gesichter zu schlagen, oder um nicht den Telefonhörer aus dem Fenster zu werfen, – schreien möchte ich, aber längst hat all das, was ich tagtäglich mitansehe, jeden Schrei in der Kehle erstickt. Keiner hat gefragt, ob ich es kann. Reaktionen auf noch so karge Antworten verraten Unbehagen ob des Themas. "Ja, das ist ganz schrecklich, und wir essen auch nur noch selten Fleisch." Oft werde ich angespornt: "Beiss die Zähne zusammen, du musst da durch, und bald hast du es ja hinter dir!" Für mich eine der schlimmsten, herzlosesten und ignorantesten Äußerungen, denn das Massaker geht weiter, Tag für Tag. Ich glaube, niemand hat begriffen, dass mein Problem weniger darin bestand, diese sechs Wochen zu überleben, sondern dass dieser ungeheure Massenmord geschieht, millionenfach, – für jeden geschieht, der Fleisch isst. Irgendwann denke ich nur noch, aufhören, es soll aufhören, hoffentlich macht er schnell mit den Elektrozangen, damit es endlich aufhört. "Viele geben keinen Ton vor sich", hat einer der Veterinäre einmal gesagt, "andere stehen eben da und schreien völlig grundlos." ...Sollte ich je den Begriff ‚Angst’ bildlich darstellen, ich würde die Schweine zeichnen, die sich hier gegen die hinter ihnen geschlossene Tür zusammendrängen, ich würde ihre Augen zeichnen. Augen, die ich niemals mehr vergessen kann. Augen, in die jeder sehen sollte, den es nach Fleisch verlangt. Der danebenstehende Grobschlächter setzt die Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung, wie der Direktor mir einst erklärt hat. Man sieht das Schwein sich in der Box aufbäumen und das zuckende Tier schlägt auf einer blutüberströmten Rutsche auf und zappelt mit den Beinen. Auch hier wartet ein Grobschlächter, zielsicher trifft das Messer unter dem rechten Vorderbein, ein Schwall dunklen Blutes schiesst hervor, und der Körper rutscht weiter. Sekunden später hat sich bereits eine Eisenkette um ein Hinterbein geschlossen und das Tier emporgezogen... Fleisch essen ist ein Verbrechen. ...Jeden, denke ich, jeden der Fleisch
isst, sollte man hier durchschicken, jeder müsste es sehen, von Anfang bis
Ende.
Ich stehe hier nicht, weil ich Tierarzt werden will, sondern weil Menschen
meinen, Fleisch essen zu müssen. Und nicht nur das allein: Auch, weil sie feige
sind. Das steril verschweißte Schnitzel im Supermarkt hat keine Augen mehr, die
überquellen vor nackter Todesangst, es schreit nicht mehr. Das alles ersparen
sie sich, all jene, die sich von geschändeten Leichen nähren: "Also, ich könnte
das nicht!" Dieser (gekürzte) Artikel kann ungekürzt auch einzeln, als Sonderdruck, beim Vegi-Büro, CH-9466 Sennwald gegen ein frankiertes Antwortcouvert und Fr. 1.40 in Briefmarken (Ausland: Internationaler Antwortschein) angefordert werden. Der ungekürzte Bericht und Schlachthofbilder, die in der gedruckten Version des Textes verwendet wurden, können separat angesehen werden: http://www.vegetarismus.ch/heft/98-2/schlacht.htm |
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